Die internationale Ordnung der Nachkriegszeit, von der unsere kleine offene Wirtschaft so sehr profitiert hat, existiert nicht mehr. Regeln und Multilateralismus sind nicht mehr von Bedeutung. Es herrscht eine ungezügelte Rivalität zwischen den imperialen Projekten Moskaus, Pekings und Washingtons. In Davos beschrieb der kanadische Premierminister Mark Carney einen möglichen Weg für die mittleren Mächte, die er dazu aufrief, sich als Erben der Vorhersehbarkeit und Stabilität, der Menschenrechte und Freiheiten zu verstehen. Kleine Länder – wie das unsere, das die bitteren Erfahrungen des neuen internationalen Systems imperialer Präferenzen gemacht hat – wären ebenfalls gut beraten, ihre Weltanschauung und ihre Haltung zu überdenken.
Selbstverständlich ist der mehr oder weniger brutale Ausdruck von Machtverhältnissen auf internationaler Ebene nichts Neues und hat unser Land in der Vergangenheit nicht daran gehindert, zu prosperieren. Das Glück hat der Schweiz zwar die blutigsten Konflikte erspart, doch hat sie auch durch ihre Tugenden geglänzt: indem sie auf ihr Humankapital gesetzt, in ihre Infrastruktur und Industrie investiert und weltweit einzigartige Institutionen perfektioniert hat. Mit so großem Erfolg, dass diese kleine Nation, arm an Ressourcen und ohne Zugang zum Meer, im 20. Jahrhundert zu einer industriellen, finanziellen und wissenschaftlichen Macht wurde. Kurz gesagt, ein beeindruckender Erfolg (ein Beweis dafür ist die Eifersucht, die sie noch immer bei den Neidern unserer Luxusuhren und anderen personalisierten Goldbarren hervorruft... aber dieser Chronist schweift ab).
Welchen Weg soll das 21. Jahrhundert einschlagen? Bildung und Innovation bleiben unveränderliche Werte der Schweiz. Allerdings hat die Schweiz ihren Elan für die Entwicklung ihrer Infrastruktur und Industrie weitgehend eingebüßt, obwohl sie unter den Industrienationen diese während der letzten Globalisierungswelle am besten bewahren konnte. Institutionen, die einst unsere Stärke ausmachten, zeigen heute ihre Schwächen: Einerseits überwiegen die besonderen Schutzinteressen bei weitem die kollektiven Nutzungsinteressen, andererseits lähmt eine weitreichende und pedantisch angewandte Regulierung unsere Wirtschaft – mit fragwürdigen Ergebnissen für die tatsächliche Sicherheit, aber das ist ein Thema für eine nächste Kolumne. In den letzten 40 Jahren wurde in unserem Land kein einziges grosses Kraftwerk mehr gebaut; es bedurfte einer (verlorenen) Volksabstimmung, um eine Autobahnstrecke um eine Spur zu erweitern; die Genehmigung für den Bau eines Wohngebäudes dauert heute doppelt so lange wie vor zehn Jahren.
Es ist offensichtlich, dass wir nicht auf dem richtigen Weg sind. In diesem Land verfügen wir über das menschliche, finanzielle, technische und wissenschaftliche Potenzial, um Großes zu erreichen. Wir könnten über eine vollständig erneuerbare, einheimische, sichere und wettbewerbsfähige Energieversorgung verfügen. Wir könnten allen Menschen qualitativ hochwertige und gut angebundene Wohnräume bieten. Wir könnten ein unverzichtbarer internationaler Knotenpunkt für die internationalen Institutionen von morgen sein. Wir könnten langfristig einen starken Sozialstaat auf solider Grundlage gewährleisten. Doch wenn wir nicht wieder zu einem angemessenen Maß an Zusammenhalt, Pragmatismus und gesundem Menschenverstand zurückfinden, werden diese gemeinsamen Güter ferne Ideale bleiben.
Bitte erwache, Frau Helvetia. Unterstütze uns dabei, uns daran zu erinnern, dass vor deinen großen wirtschaftlichen und sozialen Erfolgen unsere wichtigsten Exportgüter weder Uhren noch Medikamente waren, sondern unsere jungen Männer, die als Söldner im Dienste mächtiger Ausländer standen. Heute stellt uns die Geschichte auf eine seltene Probe, damit sie sich nicht wiederholt.
Vincent Riesen
Direktor WIHK